35 Stunden

35 Stunden

35 Stunden

35 Stunden!

Wir haben es endlich geschafft! Die Zugfahrt.

Ohne reservierten Platz, in der Sleeperclass (für alle die, die Indien wirklich real erleben wollen).

Leider hat das mit unseren reservierten Plätzen folglich nicht geklappt, da wir immer noch auf der Warteliste auf Platz 29 und 30 festhingen. Uns blieb nur eins übrig, zum Bahnhof zu fahren und ein General-Ticket für 600 IRP zu kaufen. Mit diesem Ticket kann man mit dem Zug mitfahren, hat aber keinen festen Sitzplatz und muss schauen wo man bleibt. Wenn zwischendurch trotz Buchung etwas frei ist, kann man sich dann für diese freie Strecke den Sitzplatz beim DC kaufen —ach nee beim TC (die Inder und ihre Aussprache…), dem Ticket-Conductor (Fahrkartenkontrolleur) also. Soweit der Plan.

Mit Frankie, dem Inder und vertrautem Taxidriver, ging es zum Madgaon Bahnhof. Zwischendurch noch an einem Bankautomat gestoppt, da unserer Kreditkarten in Agonda leider alle nicht funktioniert haben. Aber laut Frankie ganz normal, immer schön cool bleiben.

Am Bahnhof eine lächerliche Sicherheitskontrolle und dann ab auf den Bahnsteig. Schnell noch ein paar Süßigkeiten gekauft und dann war der Zug auch schon fast da.
Unsere Züge waren bis jetzt immer auf die Minute pünktlich, woran sich andere Unternehmen man eine Scheibe anschneiden können…

Der Zug war eröffnet und alle stürmten die Abteile allerdings doch relativ rücksichtsvoll und ohne besonders laut zu sein.

Die Sleeper-Class ist eine andere Nummer, als AC 3. Ventilatoren an der Decke, offene Fenster- naja mit Gitterstäben- und nicht mehr alles so gut in Schuss.
Im Minutentakt kommen Verkäufer vorbei, die einem alles Erdenkliche zum Essen und zum Trinken anbieten, und so heisst es die ganze Fahrt über: „Chaichaichaimasalachai“, „Tomatosouptomatosoup“, „Cooltringscooltrings“, „Icecreamicecream“.
Früchte, Popcorn, Sandwiches, Spielzeug, Schlüsselanhänger, Vorhängeschlösser, Kissen – einfach alles wird hier verkauft.

Leider füllte sich der Zug zunehmend mit jedem Stopp. Wir durften uns netterweise immer zu jemand dazu setzen.

Als wir dann von unserem knapp 2000km entfernten Ziel Agra und unserer gescheiterten Reservierung erzählten, ernteten wir von den Einheimischen meist mitleidige, vielleicht ab und zu auch leicht amüsierte Blicke.

Allerdings waren alle immer sehr nett zu uns und halfen uns so weit es nur ging.

Ein junger Typ mit Ronaldinho-Sonnenhut, Soldat aus Kaschmir, sprach Benny an und sagte, er wüsste welche Plätze erst mal nicht belegt werden. Wir sind also mit ihm ins andere Abteil umgezogen. Der TC bestätigte das zum Glück und so hatten wir für zusätzliche 1100 IRP erstmal Betten sicher- jedenfalls bis Nachts um vier. Das war doch schon mal was. Als Abendessen gab es Veg Thali (Reis, Chapati, 2 verschiedene Currys). Sehr lecker. Etwas gelesen und dann auch schon schnell eingeschlafen -natürlich nicht ohne zuvor die Verpackung des Essens und unseren anderen Müll aus dem Fenster zu werfen. Tja schon komisch, aber es kommt auch niemand, der es im Zug einsammelt und Mülleimer gibt es nicht. Unsere indischen Freunde nahmen uns gerne unseren Müll ab und schmissen diesen dann aus dem Fenster. Sie versuchten uns zu beruhigen, mit der Erkklärung, dass jemand ja kommt und es aufsammelt. Und der hätte sonst keine Arbeit mehr.
Da hat dieser Jemand aber ganz schön viel zu tun, es liegt nämlich so einiges rum…

Am nächsten Tag stiegen noch mehr Menschen hinzu. Wenn man zwischendurch dachte, der Zug sei belegt, hatte man sich getäuscht.
Der Gang war fast kontinuierlich besetzt von Verkäufern, einigen Bettlern und Kindern, die Kunststücke vorführten…
Indiens hat neben wenigen anderen Ländern ein offiziell anerkanntes drittes Geschlecht: die Hijras. Auch diese zogen durch den Gang und baten um Spenden.

Es stieg ein sehr netter Mann zu, ein Englischlehrer aus Jodhpur. Er sagte, dass es wohl auch viele Schwarzfahrer gibt und einfach nichts dagegen unternommen wird. Er schämte sich wohl teilweise vor uns etwas für seine Landleute und wollte uns die Fahrt so bequem wie möglich machen.

Mittags wurde es immer heißer und enger. Nach dem Essen (es gab das Gleiche wie am Abend, das war ja zum Glück lecker) fragte eine junge Frau Annika, ob sie zu ihr mit auf die Liege kommen würde, sie wollte sich etwas hinlegen. Annika war total überrascht. Was für ein selbstloses Angebot! Wer würde in Deutschland sein Bett mit jemand Wildfremden teilen? Jeder lag mit dem Kopf an einem Bettende und streckte dem anderen seine Füße ins Gesicht. So ging es ganz gut.

Nach einer Ewigkeit war der Abend gekommen und wir hofften auf ein Bett für die Nacht. Leider vergeblich. Eine Mutter bat Annika an, dass sie die Nacht mit ihr gemeinsam auf ihrer Liege verbringen dürfte. Unglaublich die Inder! Benny hatte leider nicht so viel Glück, konnte aber auch ein paar Stunden liegen und den Rest im Sitzen verbringen.

Jegliches Hungergefühl hat sich bei uns beiden eingestellt: die Gerüche, die ruckelige Zugfahrt und die Hitze haben dazu beigetragen. Ein Mal noch in die Schüssel gebrochen und danach mit einer gesunden Gesichtsfarbe weitergefahren.
Ankunft 3:00 Uhr morgens in Agra.

Wir danken den gefühlten 1000 Indern, die uns die Zugfahrt so angenehm, wie nur möglich gemacht haben.

Die Inder sind sehr unterschiedlich, die Alten sind noch sehr ursprünglich, der Mann hat das Sagen, rotzt überall hin, kann kein Englisch und wirkt unbeholfen. Die jungen Leute sind sehr nett und immer hilfsbereit, auch wenn sie mal nur wenig oder kein Englisch können. Sicher gibt es auch die Gebildeten mit Laptop und gutem Englisch inklusive Allgemeinbildung. Aber viele sind es nicht.
Die Mehrheit ist jung, nett, interessiert und sehr, sehr hilfsbereit. Wir sind diesen wirklich dankbar für die tolle Unterstützung im Zug und auch sonst.

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